Dachkult

Verlust der Vielfalt

Neues Selbstverständnis des Steildachs

„Der Mensch ist der Maßstab für die Stadt“. Diese Aussage des Kopenhagener Architekten Jan Gehl dürfte Öl ins Feuer heutiger Architekturkritiker gießen. Zu groß, zu kalt, lieblos und noch dazu beliebig sind nur einige der Attribute, die moderner Architektur neben immer geringer werdender Lebensqualität zugesprochen werden. Wer diese Architekturkritiker sind? Nicht zuletzt wir alle. Die Bewohner der Städte.

Eine Ode an die Baukultur
Es wird wieder viel gebaut, aber immer weniger steil. Dabei ist das Steildach seit jeher eines der prägendsten Elemente in der Architektur und weit mehr als reiner Witterungsschutz. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzte sich das flache Dach allmählich auch im mitteleuropäischen Raum als Gestaltungselement durch.

Heute schießen fast überall Neubauten in die Höhe. Meist bis auf den letzten Zentimeter effizient gestaltete Wohn- und Bürogebäude mit möglichst hoher Rentabilität und einer maximalen Gewinnausschüttung. Die moderne, kubische Bauweise entspricht dem Verständnis einer zeitgemäßen Architektur und reizt die gesetzlichen Vorgaben der Bebaubarkeit eines Grundstücks dabei gänzlich aus. Der Schweizer Journalist Felix E. Müller sagte mal, überall in Europa würden neue Innenstädte in der „Standardgestalt maximaler Unpersönlichkeit entstehen: axial ausgerichtete, große Blöcke mit lieblosen Zwischenräumen für Parkflächen, Abstandsgrün und Altglascontainern.“

Gelernte Monotonie
Dabei muss das Umdenken heute schon an den Hochschulen stattfinden. Wenn Symbole wie Giebel, First und Traufe im Studium zu Fremdwörtern der Architekturhistorie mutieren und Wörter wie Attika, Bitumenbahn und Notüberlauf zu den meistgesagten Begriffen gehören, ist die Monotonie morgiger Städte bereits vorprogrammiert. Entwürfe ohne Schräge schwimmen mit dem Strom, sind grundsätzlich akzeptiert und bieten keine große Angriffsfläche. Entwürfe mit einem Steildach hingegen werden kritisch beäugt, zunächst als Fremdkörper wahrgenommen und gen Ende meist auch aufgrund von Planungsunsicherheit zu den Akten gelegt und durch einen flachen Abschluss ersetzt. Wird der junge Architekt bereits zu Beginn seiner Entwicklung zu stark geprägt und ihm der Umgang mit dem vielfältigen Architekturvokabular vorenthalten?

Eine Dachform für besondere Anlässe
Es wirkt fast, als müssten besondere Dachformen für besondere Anlässe aufgespart werden, als gäbe es sie nur in begrenzter Stückzahl. Überall dort, wo Architektur einen Treffpunkt bietet wie in Kirchen, Theatergebäuden, Museen oder anderen kulturellen Einrichtungen ist das gestaltete Dach als Entwurfselement immanent. Natürlich müssen größere Spannweiten mit anderen Konstruktionen ausgeführt werden als das Einfamilienhaus, doch ist sich der Planer zudem bewusst, dass ein gewölbtes, gefaltetes oder geneigtes Dach und der besondere Lichteinfall in Dachräumen eine besondere Wirkung auf den Betrachter ausübt. Doch warum gönnen wir uns dieses Erlebnis nur im größeren Kontext und nicht in der Nachverdichtung des innerstädtischen Raums? Es muss nicht immer das mit Rotziegeln gedeckte Satteldachhaus sein, ein Steildach kann und darf viel mehr als das und bedarf einer individuellen Neuinterpretation. Die Altbauten der Gründerzeit gehören zu den beliebtesten Immobilien überhaupt. Aufwendige und kleinteilige Fassaden, straßenbegrenzende Blockrandbebauung, hohe Decken, abgeschlossen durch meist schräge Dachformen sind eine ästhetische Wohltat im Kontext des heutigen Verständnisses urbaner Architektur. Das Ziel ist alles andere als eine nostalgische Utopie, die Wiederaufbau und Rekonstruktion verlangt. Das Ziel sind lebenswerte Städte für Menschen, die heterogen und facettenreich sind.

Ökonomie und Rendite statt Lebensqualität
Die heutige Architektur ist geprägt von ästhetischen und ökonomischen Missständen. Böse Zungen würden sie als „Investorenarchitektur“ bezeichnen, laut Definition seelenlose, effiziente Einheitsbauten ohne Sinn für architektonische Raffinesse. Doch ist das vermutlich zu kurz gedacht. Architektur braucht Geldgeber, da es sie ohne nicht gäbe. Doch liegt es heute auch in der baukulturellen Verantwortung der Architekten, auch unabhängig von ökonomischen Interessen gestalterisch beratend zur Seite zu stehen. Es wird Zeit für einen Perspektivwechsel. Mit reiner Dachgestaltung alleine ist es nicht getan. Doch es ist ein erster Schritt auf dem Weg zu Individualität, Ausdruck und Städten mit Gesicht.

Vielfalt statt Tristesse
Dachkult möchte diesen Diskurs auf den Dächern der Stadt austragen. Möchte Fragen stellen, Grundsätze diskutieren, in den Dialog bringen. Wie wollen wir in Zukunft wohnen? Wie sehen unsere Städte der Zukunft aus und was macht sie zu lebenswerten Orten, an denen wir auch in 50 Jahren noch gerne wohnen? Um eben diese Aspekte im aktuellen Bauboom zu diskutieren haben sich insgesamt 20 führende Hersteller aus der Dachsparte und ein Fördermitglied im letzten Jahr zusammengeschlossen und die Plattform Dachkult ins Leben gerufen. Dachkult engagiert sich auf vielfältige Art und Weise: Neben einem Maßnahmenmix aus Social Media und begleitender Website gehören die Rooftop Talks, einer Gesprächsreihe von und für Architekten, inzwischen zum festen Bestandteil der Kampagne.

Initiative Pro Steildach
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